
Bei der Vipassana-Meditation hatte ich gelernt mein Innenleben zu beobachten. Deshalb wurde für mich Identifikation als persönlicher Raum bildhaft. Einerseits fühlte ich mich darin gefangen, andererseits gab mir dieser Ort Schutz. Es gab weder einen sichtbaren Eingang noch Ausgang. Allerdings konnte ich seine Grenzen empfinden, abtasten, dehnen oder einfach still sein, entspannen und vergessen.
Die Räume schienen wie ein passende Kleidung auf mich zugeschnitten zu sein. Sobald ich mich in ihnen bewegte, reagierten ihre Wände mit Impulsen, die meinen Spielraum eindämmten oder erweiterten. Manchmal fühlte ich mich auch wie in einen Schacht gefallen oder ein wie ein grabender Arbeiter bei seinem persönlichen Tunnelbau.
Identifikation mit dem Körper
Mein damaliger Meditationslehrer erkannte in den Schmerzen, die bei seinen Schülern während der Meditation auftraten meist persönliche Themen. Er motivierte seine Schüler in die eigene Lebensgeschichte einzutauchen und die emotionalen Zusammenhänge zu erkennen. Darum begann ich in meinen körperlichen Schmerzen schmerzhafte Gefühle wahrzunehmen.
Der Schmerz, meine Angst und andere leidvolle Gefühle erschienen mir oft greifbar. Gleichwohl war bei der Vipassana Meditation auch geboten den Schmerz rein und urteilsfrei wahrzunehmen. Das Meditieren bei den Retreats war ein Prozess, der sich über 9 Tage erstreckte. Dabei kam es immer wieder zum Fokuswechsel. Ich hatte einige Male (während verschiedener Retreats) das Glück, dass sich durch ein Erkennen meiner persönlichen Zusammenhänge körperliche Schmerzen von einem Augenblick auf den anderen aufgelöst haben. Danach ging der Prozess in ein nächstes Thema über.
Identifikation mit der wahrnehmenden Innenwelt
Während eines Retreats intensivierte sich die Wahrnehmung. Alle Sinne wurden geschärft und damit durchlässiger, um Schönheit, einzigartige Düfte und echte Geschmacksnuancen wahrzunehmen. Den wahrnehmenden Kopf malte ich mit den Formen, wie ich sie in der abstrakten Malerei mit dem Titel -Gedanken und Emotionen- erarbeitet hatte. Dabei füllte eine Form das Gesichtsfeld aus, eine weitere agierte im Hintergrund. Je zwei Formen bildeten zusammen den Kopf.
Einmal war ich der Nähe von Grenobel auf einem Retreat gewesen und nahm mir einen Tag meditationsfrei. Während ich von einem Aussichtspunkt blickte, begegnete ich ganz unverhofft dem Anblick eines Berges. Er schien seine Augen auf mich gerichtet zu haben, doch gleichzeitig erlebte ich mich selber als diejenige, die aus ihm herausschaute. Für eine kleine Weile hatte ich das Empfinden, dass der Berg zu mir herabgestiegen war und wortlos mit mir gesprochen hatte.
Identifikation mit dem Verlangen
Gefühle des oralen Verlangens stellten sich bei den Retreats immer wieder ein. Natürlich nahmen wir regelmäßige Mahlzeiten zu uns und litten keinen Hunger. Trotzdem waren wir als Retreatteilnehmer nicht an Verzicht gewohnt. Die Befriedigung durch Genußmittel war für die meisten von uns völlig alltäglich. Unsere ganze Wirtschaft entwickelte sich dahin, dass jeder alles und jedes zu jeder Zeit bekommt. Mit dem überdimensionalen Lutscher thematisierte ich das so geschürte Verlangen. Verlangen konnte in allen Bereichen des Lebens in eine Sucht münden.
Identifikation mit unbewussten Schattenseiten
Ich konnte damit konfrontiert sein, dass ich etwas tat, was sich scheinbar von selber ergab. Unbewusste Gefühle spielten ganz vorne auf meiner Lebensbühne mit, ohne dass ich sie kannte oder ihnen eine Rolle zugewiesen hatte. Sie steuerten meine Handlungen gegen meinen Willen und konnten mich ganz vereinnahmen.
Masken der Identität
Körperliche Nacktheit entkleidete den Menschen nicht von seiner Identität. Er blieb in seine Gedanken und Emotionen eingekleidet. Leute gaben auch begabte Schauspieler ab oder agierten wie Anpassungskünstler, die jede Farbe ihres Gegenübers spiegeln konnten. Die eigene Identität konnte wie ein Versteck benutzt werden mit mehr oder weniger harter Schale oder Transparenz.
Moderne Selbstoptimierung
Die Retreats dienten der eigenen Läuterung, dem Aufbau von Achtsamkeit, der spirituellen Entwicklung. Inbegriffen war die Aussicht auf eine persönliche Veränderung. Darunter z. B. eine Freiheit vom eignen Suchtverhalten zu erlangen. Doch die eigene Identität erschien mit ihren Inhalten wie eine fest verklebte Collage zu sein. Es war leichter etwas draufzupacken als etwas zu entfernen. Mir war es damals sehr wichtig gewesen mich zu verändern. Es hatte zu den spirituellen Ideen gehört sich aus negativen Identifikationen befreien und positive Erlebnisse in sein Leben einladen zu können.
Auf meiner ersten Urlaubsreise nach Marokko hatte ich einen nächtlichen Traum. 4 Mönche in braunen Kutten hatten auf der Straße vor dem Hotel auf mich gewartet. Sie hatten mir eine braune Kutte übergeworfen und mir bedeutet zu folgen. Ich hatte die Kapuze weit über meinen Kopf gezogen. Wir wanderten in die Wüste und irgendwann erreichten wir eine Ausgrabung. Im Zentrum lag ein Grab. Ich erkannte einen Ort des Glaubens und der Gebete. Dann kehrten wir zurück. An der Hoteltür verabschiedeten sich meine Glaubensgenossen. Die Deutlichkeit des Traumes war beeindruckend gewesen. Er machte etwas mit mir.
Ich fühlte mich in eine gläubige Person hinein versetzt. Ich spürte die Hoffnung, die mit einem religiösen Leben verbunden war. Plötzlich fühlte ich mich von meinen ganzen selbstauferlegten Selbsterforschung befreit. Zuerst übersah ich, dass genau das Gegenteil der Fall war. Denn der Glaube an eine Religion, an ihre Zeremonien und Rituale verlangte ein höchstes Maß an Identifikation. An etwas zu glauben, bedeutete die absolute Identifikation. Eine höhere Stufe gab es nicht. Religion war die Angelegenheit einer ganzen Gemeinschaft. Jede Ideologie stiftete zuerst Orientierung und mit zunehmender Anhängerschaft erhob sich immer mehr Führungsanspruch. Während die Führer an Macht gewonnen, gerieten die Anhänger ins Taumeln und verblassten auf dem Spielfeld.





















